Mundartnacht

Schweiz am Sonntag vom 1. Juni 2014

Schweiz am Sonntag vom 12. Mai 2013

Bericht Sonntagszeitung 2011

Pressespiegel

Sonntag | Nr. 19 | 16. Mai 2010 | Seite 61

Wo aus Buchstaben Kunst wird

Die Mundartnacht an den Solothurner Literaturtagen bringt Wortartisten mit allerlei Dialekten auf die Bühne

Hier schwätzt jeder, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und meisselt in Mundart Wortskulpturen für den Augenblick. «gägäWärt» nennt sich die Kunstwerkstatt im Kofmehl, deren aktuelle Ausgabe rund 400 interessierte Besucher anlockte.

VON ANDREAS KAUFMANN
Beide beginnen mit P, haben aber im Grunde herzlich wenig miteinander zu tun: Politik und Poesie. Und dennoch werden sie an einer Mundartnacht für ein verbales «Tête-à-Tête» zusammengeführt: Als Gegenpole, die die Vielfalt des alljährlichen «gägäWärt»-Anlasses aufspannen. An diesem Ritterturnier der Wortgewandten herrscht die Feder einmal mehr über das Schwert, schlägt zuweilen ebenso blutig zu, um im nächsten Moment sanft zu schmeicheln. Der Abend enthält in seiner Vielfalt gegensätzliche Inhaltsstoffe zwischen süss und sauer, streng und verspielt. Ein Abend mit Lachgas, um zu amüsieren, und mit Riechsalz, um wach zu rütteln.

BEGONNEN WIRD DER Abend mit dem Oltner Kilian Ziegler. Er serviert dem Publikum Leichtkost, «easy» eben, und meint damit den Lebensstil des perfektionierten Ausspannens. Seine Freundin ist zu allem Pech eine Workaholic, die er aber mit psychoaktiven Substanzen zur Chillout-Konvertitin werden lässt.


Lara Stoll, die Ostschweizer Slampoetin, wagt sich getreu der «gägäWärt»- Vorgabe erstmals in Solothurn aufs Mundart-Terrain. Ihre Trilogie zeichnet das Leben und Sterben der Frau Benz, die über die ekelerregenden Schwächen ihres Geliebten hinwegsieht, ebenso über die Eskapaden ihres reizverwöhnten Zöglings und sich schliesslich von Gevatter Tod ein mysteriöses, lustiges Ende wünscht: Sie stirbt auf unter einem Klavier – mit Clownnase im Gesicht.

IN SEINEM ERSTEN Beitrag nimmt Valerio Moser das Thema der Gewalt ins Visier. Aus Sicht des Täters versucht er, das Unbegreifliche, wenn nicht begreifbar, dann doch zumindest greifbar zu machen. Der Ort, wo Fusstritte nicht aufhören, wenn das Opfer längst regungslos daliegt, wird vom Langenthaler kritisch inszeniert: «Es isch doch nume Spass. Bitte lach doch mit». Demgegenüber setzt sein zweiter Beitrag - ein Partytext mit Beatbox-Einlagen - einen humoristischen Gegenpol. So führt er die Seichtigkeit der Ballermann-Lyrik ad absurdum, indem er sie in Mundart neu interpretiert.


Ato Meiler lässt in Worten seine Faszination für die Füsse einer Discogängerin vom lasziven Blick bis zum Vulkanausbruch der Triebe anschwellen; ein erotisches Crescendo in Thurgauerdialekt. Später toppt Ato seinen Lachangriff, indem er die Polizei als krasseste Gang der Schweiz in Szene setzt.

DAS PUBLIKUM KOMMT unter dem Wortdauerfeuer kaum zum Ausruhen, erst recht nicht, als Knäckeboul die Bühne betritt. Was immer ihm ins Auge fällt, wird ohne Denkpause zu Verszeilen verpackt. Da «freestylt» einer im Affenzahn und lässt sich Gegenstände aus dem Publikum zuwerfen, die er dann zu einer stimmigen Geschichte verwurstet. Dass das One-Man-Orchester dabei von Gudrun, seiner Loop-Maschine assistiert wird, setzt noch einen drauf. Liederpoet Trummer schafft mit Gitarre und Stimme ein musikalisches Ölgemälde, auf dem sich akustisch bald Häuserfassaden, Felder, Landschaften abzeichnen, die sich dann zu einem Gesamteindruck namens «Heimat» verdichten.

MIT SCHENKELKLOPFERN AUF der Grenzlinie des politisch Korrekten tänzelt «Veri, der Abwart» über die Bühne. Wenn er loslegt, kriegen alle – vor allem Politiker – ihr Fett weg. Philipp Galizia erzählt, warum er eigentlich nie einen Hund wollte und holt in Freud’scher Manier bei der prägenden Kindheitserfahrung aus, die er als ausrastender Hirtenhund im Krippenspiel erlebte.


«gägäWärt» hat 2010 wieder Alltagserlebnisse zu verbalen Kunstwerken verdichtet. Der Anlass hat die Zeit für einen Abend angehalten, um neben dem Blindflug des Alltagstrotts für einmal die Augen und Ohren für Gegen-Gedanken und Gegen-Werte zu öffnen.


Jubiläumsausgabe auf CD erhältlich

Das 10. Jubiläum der GägäWärt-Mundartnacht wurde 2012 auf CD festgehalten und kann direkt über den Verlag "Der gesunde Menschenversand" bezogen werden.

Die Aufnahmen zeigen die Vielfalt der Mundart-Szene mit Pedro Lenz, Stahlberger, Gabriel Vetter, Etrit Hasler, Stefanie Grob, Simon Chen, Dülü Dubach, Knackeboul und Patrick Frey.

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Kulturförderpreis für Pascal Frey

Die Kantonale Kulturförderung hat Pascal Frey, als  Schaffer der Mundartnacht, im Jahr 2010 mit einem Werkjahrespreis ausgezeichnet.

Info

 

 

Best-of-Auswahl der Jahre 2005 bis 2009 auf CD

Der Basler Merian Verlag hat im Herbst 2009 eine Best-of-Auswahl der Jahre 2005 bis 2009 auf CD herausgebracht.

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Wie immer zeichnet Radio SRF den Anlass auf

 
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